Tango total

 

Tango total

 

eine kleine Tangospielerei

 



 

Mi Buenos Aires querido … ich summte so vor mich hin. Je nach Laune pfiff, schmetterte oder brummte ich meinen Traum von Buenos Aires mindestens einmal täglich. Hatte es diesmal zu sehnsüchtig geklungen? Antonia interpretierte meine schrägen Töne ganz zu ihren Gunsten als eindeutigen Hinweis, dass ich Lust auf Tangotanzen hätte. Ach, es war nur die Wehmut, herrliche, köstliche, unwiederbringliche Zeit der Jugend. Paradies und Leidenschaft. Oder so ähnlich, wer weiß das schon noch so genau.

 

Juana, mi dulce morocha, meine süße Schwarzhaarige. Veinte años no son nada. Zwanzig Jahre sind ein Nichts.

 

Ich bin ein Perlenfischer, ein Frauenflüsterer. Obwohl bereits in fortgeschrittenem Alter, bin ich zum dritten Mal verheiratet – weit entfernt von Vals, Milonga, Tango … im fernen Deutschland.

 

Antonia, du bist nicht die erste, du musst schon verzeihn … hatte ich ihr wortlos bedeutet, als wir uns auf einer meiner weitläufigen Reisen in einer kleinen Konditorei, bei Kuchen und Tee, kennenlernten.

 

Du bist auch nicht der erste, Damian … hatte sie mich wissen lassen. Es war nämlich einmal ein Musikus, der spielte im Café. Er spielte einfach wundervoll, da war’s um mich geschehn.

 

Mit dem Musikus hatte es bald dicke Luft gegeben. Auch ich konnte nicht weiter von Luft und Liebe leben und suchte einen sicheren Hafen. Das hieß, wir passten zusammen.

 

Ich wusste, Antonia tanzte gern den Tango. Tango aleman. Ich liebte Tango Argentino – allerdings waren meine Erfahrungen ganz theoretischer Natur, aber immerhin. Solange ich mich nicht bewegen musste, lief alles gut zwischen uns.

 

Doch eines späten Abends ging das Telefon, und ich wusste schon … das kann nur sie sein. Cristina, Antonias beste Freundin. Aber musste sie meine Frau regelrecht mit dem Bekenntnis ermuntern, dass es ihrem Mann schon nach zwei Jahren angefangen habe Spaß zu machen?

 

Was sollen wir?“, murmelte ich schlaftrunken in mein Kissen. „Tango tanzen. Nun schlafe sanft … ach, in deinen Armen zu träumen –“, beruhigte mich meine Liebste mit zärtlicher Stimme. Ich war mucksmäuschenstill. Der Rest der Nacht war schwarz wie Tinte.

 

Cristina lud uns zu einer unverbindlichen Schnupperstunde ein. Einfach mal zum Zuschauen.Da auch Bertha aus Lima, Ramona aus Kolumbien und Alejandra aus Uruguay anzutreffen wären, sagte ich schließlich zu. Ob blond, ob braun ich liebe alle Frauen.

 

Der Tanzsaal in einer ehemaligen Kapelle war bereits rappelvoll mit älteren Semestern, die wild aufs Tanzen waren. Ich verdrückte mich sofort auf ein bequemes Sofa. Alle Tänzer standen schon in Reih und Glied auf der Tanzfläche, die Männer auf einer Seite, die Frauen auf der anderen.

 

Aus einem Lautsprechererscholl Marschmusik und die Menge begann sich zu tusch, tschinderassabum und tamtamtam zackig wie eine eiserne Brigade zu bewegen.Hacken und Absätze aller Arten knallten auf den Boden. Arme flogen in die Luft. Ein ungewöhnlich deutscher Tango, wie mir schien.

 

Kaum hatte ich es mir auf meinem Sofa so richtig gemütlich gemacht, erschien ein gut genährter, vergnügt aussehender kleiner Mann. Mit tänzelndem Schritt ging er in die Mitte des Saales. „Nach dem Aufwärmen weiter mit unserem heutigen Programm –…“, ergriff er das Wort.

 

Jawoll, Herr!“ entfuhr es mir ganz unabsichtlich preußisch. Ich hatte gelernt in Deutschland müsse man so auf Befehle reagieren.

 

Unauffällig ließ ich mich tiefer ins Sofa sinken und erlaubte meinem Geist sich wie immer mit süßen Gedanken zu zerstreuen.

 

Deine großen schwarzen Augen, deine roten Lippen, deine Zähne aus Perlmutt. Mi Buenos Aires querido …

 

Unsanft weckte mich der Tanzmeister aus meinen Tagträumereien. Er stellte sich auf seine Fußspitzen, streckte einen Arm genau in meine Richtung und sagte: „Sie, dort hinten, gleich mitten hinein.“ Seine Stimme klang gebieterisch. Ein Flämmchen in den Augen meiner Frau verriet, dass sie just diesen Augenblick herbei gesehnt hatte. Ich war, offen gesagt, ziemlich schockiert.

 

Mit absichtlich tapsigen Schritten gesellte ich mich zu den Männern, verdrückte mich aber gleich hinter die letzten in der letzten Reihe, am äußersten Ende, wo die Gefahr gesehen zu werden, gering war und ich mir jederzeit einen Fluchtweg frei halten konnte.

 

Und los geht’s – wiederholen wir rasch noch einmal die acht Grundfiguren“, rief der Meister in der Mitte mit herausforderndem Blick und warf sich gleich in stolze Pose, mit erhobenen Armen und gestrafftem Rücken. „Ich zeige es jetzt einmal nur für die Herren.“

 

Leichtfüßig glitt er über das Parkett, vor, zurück, seitwärts, drehte sich herum. Ach du herrjeh … Dios mio. Meine Augen konnten nicht annähernd so schnell schauen, wie er sich bewegte. “Und nun alle Männer – eins, zwei, Wiegeschritt … und im Takt, lang lang kurz kurz lang … seitwärts ...“

 

Ach, Juana, wie ließ mich der ungezügelte Rhythmus deines Körpers glühen …

 

Schauen Sie einmal dort hinten hin, meine Herrschaften, zu dem neuen Herrn, ganz beispielhaft sein Schritt … wie mit dem Boden verwurzelt ... das ist Tango, er gibt den Heimatlosen Heimat“, krähte der Lehrer plötzlich in meine Richtung. Ich – eine heimatlos gestrandete Existenz? Das ging noch an. Aber ansonsten war ich doch einfach nur so herum geschlurft, von den Schrittfolgen hatte ich rein gar nichts verstanden. Soeben war durch einen langen grauhaarigen Herrn mit krummen Beinen neben mir, der sich mit einem schüchternen Dicken gekreuzt hatte, ein Knäuel entstanden, und ich mischte mich rasch und unauffällig dazu, um mich anschließend diskret zurückzuziehen. Da schwebte von der anderen Seite eine zierliche Frau in Grün, nicht mehr ganz jung, auf mich zu. „Bleiben Sie doch – für Männer gibt es hier die besten Chancen, na, Sie wissen schon, mit Tango fängt man kleine Mädels ein – zählen Sie auf mich.“, flötete sie in hellstem Sopranino.

 

Miese Puppe!“ … zischte meine Gattin, so dass nur ich es hören konnte, quer über die Tanzfläche zu mir herüber. Ihr war wieder einmal nichts entgangen.

 

Der kleine Kerl, der den Takt vorgab, wurde mir langsam lästig, er ließ nicht locker. „Und jetzt mit Musik.“

 

Liebster, das heißt Männer und Frauen zusammen, wir zwei ….”, Antonia war schon an meiner Seite und bettelte gefährlich freundlich.

 

Meine Liebe, tanz du nur. Der Fußweg bis hierher war weit. Ich fühle mich müde.” Ich wollte mich respektvoll aus dem Staub machen und schritt eilends in Richtung Sofa, meinem Hort der Zuflucht.

 

Ach Juana, ich verzehrte mich nur nach dir. Deine Küsse, die mich entzückten, die mir den Verstand raubten, die mich quälten.

 

Weit kam ich nicht. Der Meister baute sich erneut vor den Tanzenden auf, wiegte seinen Kopf bedenklich und nach einem Seitenblick in meine Richtung räusperte er sich herzhaft: „MZE – nun, was meinen Sie, was ist das? Niemand? Und MZS? MZE und MZS – das ist das A und O für Sie, meine Damen und Herren – wer das nicht beherzigt, wird kläglich scheitern. MZE – Mut zum Erfolg und MZS – Mut zum Scheitern. Nur aus Fehlern kann man lernen, wer nicht lernt, bleibt ewig dumm. Nun, in diesem Fall ein ungelenker Tolpatsch.” Er hatte wunderbar gesprochen, das hatte ich dem Klang seiner erhellenden Rede wohl entnommen. Ich war fast ergriffen – vom Reden verstand ich nämlich viel. Doch wo steckte der Tolpatsch? Ich schaute mich um.

 

Zu allem Übel trat sogleich ein älterer Herr mit kugelrundem Bauch und glänzender Glatze aus der ersten Reihe hervor und sprang dem Meister eifrig zur Seite. „Ich will bekennen. Letztes Mal war ich auch noch vollkommen neben der Reihe – und siehe da, nur eine Woche später machen meine Beine, was sie sollen.” Er blickte nach oben zur Decke, wo aus christlichen Zeiten noch eine Engelsschar herunterlugte. Anschließend senkte sich sein Blick demütig, während Schweißperlen von seiner Stirn direkt auf den Bauch tropften. Der Sermon war so schnell beendet wie begonnen. Doch er verfehlte seine Wirkung nicht. Reumütig schlich ich in die Meute zurück und reihte mich ein. Gleich schoss meine Liebste auf mich zu und packte mich fest, als wollte sie mich nie mehr loslassen.

 

Zum Glück erklangen endlich die erlösenden Takte der Musik, Flöten und Violinen. Nur – wo blieb das Bandoneon? Inbegriff des Tango – wie sollte ich ohne seine sehnsuchtsvollen Akkorde verlorene Lieben beschwören?

 

Vamos al baile, mi morocha Juana ... mein Engel aus Staub, meine schwarze Nelke …

 

Lang, lang, kurz, kurz, lang, seitwärts, ran – unerbittlich gab der Tanzmeister den Takt vor. Es ging mir durch Mark und Bein. Schlug wie Klöppel auf meine Knochen.

 

Ich schloss meine Augen, um mich besser zu konzentrieren. Rhythmus liegt mir von Haus aus im Blut, aber hier war irgendetwas faul. Bald pochte das Blut in meinen Schläfen, meine Hände schwitzten, meine Füße blieben am Boden kleben. Antonia mühte sich redlich mich hin- und herzuschieben, ganz nach ihrem Belieben.

 

Schon mahnte der Lehrer es ginge ums Ganze. „Meine Herrschaften, nicht so schüchtern, die Beine breit, wiegen Sie sich Bauch an Bauch, die Schenkel berühren sich; wenn es richtig läuft, wird es feucht an den Knien. Und Wiegeschritt, vor seit ran … vergessen Sie nie den Takt“. Und wie es lief! Sturzbäche flossen an meinen Beinen hinunter. Doch versprach es endlich sinnlich zu werden, hätte sich meine Frau nicht vorlaut zu Wort gemeldet: Was machst du denn da mit dem Knie, lieber Mann?

 

Ach Juana, lang ist es her. Amor de estudiantes.

 

Und jetzt den Valentino … bitte zackig, die Damen!“ tönte die Stimme des Lehrers. Ich taumelte unter dem Anprall von Antonias Schwungbein zurück. Mir blieb nichts anders übrig. Um meine Ehre zu retten, musste ich nun zeigen, was ich kann.

 

Ocho adelante, apertura y cruce, ocha detrás, apertura y cruce …“ Nun beweg dich auch mal nach meinem Maß, Antonia ...

 

En tu casa habia de todo, Juana, a media luz los besos, coktel de amor a media luz …

 

Ich versuchte meinem Gesicht einen verzückten Ausdruck zu verleihen. Jede Drehung machte mich benommener. Antonia hielt es für Leidenschaft. Ein Zittern durchlief ihren Körper. Ihre Erregung wuchs mit jedem Schritt. Die Rhythmen der Musik wurden immer schneller, meine Liebste wagte immer unerhörtere Schritte.

 

Als sich plötzlich der Raum in der Mitte der Tanzfläche öffnete, flüsterte Antonia etwas Unverständliches in mein Ohr, das wie „la tia del nogal“, die Tante vom Nussbaum, klang. Was für eine Tante meinte sie nur? Ich hatte mindestens Hundert. „Die Diagonale!“ Ich blieb verdutzt stehen, so dass Antonia über meine Füße stolperte, unsere Achsen verschoben sich in einer starken Schräglage. Ehe ich umkippte, immer noch in Gedanken schwer beschäftigt mit dem, was sie mir hatte sagen wollen, zeigte mein Weib Erbarmen. Sie zog mich mit sich und wir machten den Abgang. Diagonal durch den Raum direkt zum Ausgang, welch wirklich intelligent ausgedachte Choreographie.

 

Nunca te vuelvo a ver, Juana. Fui un pasaje de tu vida, nada más ... dieser Traum ist lang vorbei.

 

Ein kalter Luftzug schlug uns durch die Tür von draußen entgegen. Ich war mit einem Schlag nüchtern. Da stand sie und ließ mein Herz vor Freude und Verlangen höher schlagen. Eine Frau von spröder Schönheit. Ihre Augen leuchteten durchtrieben, ihre rosigen Wangen glühten, die ergrauten Haare rot verfärbt, ihr Körper verschwitzt, verströmte sie einen betörenden Duft nach Zauberkräutern. In einer raschen Liebkosung zog ich Antonia an mich. Ich fühlte mich so quicklebendig wie ein Sack Flöhe und lachte erleichtert.

 

'Ríe, muchacho, ríe'. Lach über die Leiden, über die Illusionen, das Leben und die Liebe.

 

Leidenschaft im Viervierteltakt. Antonia hat endlich eine klare Ordnung in mein Leben gebracht.

 

Bist du eigentlich schon einmal in Buenos Aires gewesen?“ fragte Antonia mich auf dem Heimweg.

 

Frag mich nie zuviel, meine Liebe. Denn das, was gestern Wahrheit war, kann heute Lüge sein …“, antwortete ich ihr freiheraus und in außerordentlicher Schlichtheit.

 

Und wir tanzten nie mehr Tango ...

 

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Daria León, Karlsruhe, Februar 2012

 



 

 

 

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