Yurimaguas International (Scharf auf dich …)

Nora schlüpfte in ihren grünen Stretchrock und streifte sich ein khakifarbenes Top über. Dann legte sie die Kette aus bernsteinfarbenen Muscheln um und zog sich mit einem blutroten Lippenstift die Lippen nach.

„Gute Tarnkleidung“, sagte Danilo und grinste sie mit zerzausten Haaren an.

Nora schaute Danilo unsicher an. „Ich muss los“, antwortete sie.

„Wird bestimmt ein tolles Urwaldabenteuer. Pass gut auf dich auf und bring mir einen Papagei mit.“, antwortete Danilo und gab ihr mit einem siegesgewissen Lächeln einen Kuss.

 

„Wir treffen uns in Iquitos!“ Nora griff nach ihrem roten Metallkoffer und ging mit raschen Schritten zur Tür, ohne sich noch einmal umzublicken. Sie musste sich mit einem Ruck aus dem feinen Netz aus sanften Berührungen, innigen Umarmungen und zärtlichen Küssen, das Danilo um sie gesponnen hatte, losreißen.

 

Mittag. Danilo fläzte sich noch einen Augenblick zurück in die zerwühlten Laken. Sein charmanter Blick war einem grimmigen Ausdruck gewichen und seine Lippen kräuselten sich zu einem bösen Lächeln.

‚Hexe, ich habe dich! Das sollst du mir büßen.’, schoss es ihm durch den Kopf. Alles war absolut glatt gelaufen, bis Nora ihm vor einigen Wochen aus heiterem Himmel angekündigt hatte, dass sie Beruf und Privatleben lieber nicht vermischen wolle.

 

Das naive Ding hatte wohl irgendwas verwechselt und meinte, sich unsterblich in ihn verliebt zu haben. Wenn ihm auch sonst nicht viel in seinem Leben gelungen war, so verstand er doch immerhin etwas davon Frauenherzen zu erobern. Und zu brechen, wenn es nötig war. Er war immer noch schlank und sportlich, die dunkelbraunen Haare umspielten lockig sein wohlgeformtes Gesicht und die Frauen flogen auf ihn. Bitter war, dass sein Spiele-Entwicklungsunternehmen auf der Kippe stand, die Spiele, die er als Game Designer bisher entworfen hatte, waren ohne großen Erfolg geblieben. Es ging um alles oder nichts, wollte er nicht alles verlieren, was er aufgebaut und für was sein Vater mit großen Hoffnungen in seinen einzigen Sohn sein ganzes Vermögen investiert hatte. Die Branche boomte.

Nora war seine letzte Hoffnung. Vielleicht ließe sich noch etwas retten, wenn er sich mit ihrer Hilfe bei seinen Spielen ganz auf die weibliche Zielgruppe spezialisierte, die immer noch stark anwuchs. Dass sie das richtige Händchen dafür hatte, hatte sie längst bewiesen. Seine Konkurrenten schleckten sich die Finger nach ihr.

 

Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte Danilo Nora beim Kongress des Chaos Computer Clubs in Berlin kennengelernt. Als international bekannte und erfolgreiche Autorin und Spieledesignerin – der einzigen Deutschen, die es in die AIASS Hall of Fame geschafft hatte - gab sie einen Workshop, in den er sich mit besten Absichten eingeschrieben hatte. Es war nicht schwer sie mit seinem spitzbübischen Lächeln, kleinen Aufmerksamkeiten und ein paar Einladungen zum Essen zu gewinnen. Sie war fasziniert von ihm. Er umschwirrte sie unablässig als wolle ein ganzer Drohnenschwarm dieselbe Königin stechen. Glücklicherweise war sie romantisch veranlagt und ließ sich an Silvester zu einer Liebesnacht verführen. Noch im Neujahrstaumel mühte Danilo sich diskret Noras Pläne für neue Projekte aus ihr herauszukitzeln. Sie gab ihm mit großer Lässigkeit zu verstehen, Ideen habe sie im Überfluss. Er zweifelte nicht eine Sekunde daran.

 

Wenn das kein Grund war, das Neue Jahr ausgelassen zu begießen. „Ich bin richtig scharf auf Dich“, hatte er ihr in einer Zweideutigkeit ins Ohr geflüstert, die nur er verstand. Seitdem hatte ihn nur der Gedanke beherrscht, wie er endlich das ganz große Geld machen konnte. Er war besessen davon Ruhm einzuheimsen, im Rampenlicht zu stehen, ja, die ganze Welt sollte ihm, Danilo, zu Füßen liegen. Dann würde er es seinem Vater und allen, die ihn für einen ewigen Versager gehalten hatten, endlich beweisen. Um dorthin zu gelangen, war er zu allem bereit.

 

Es fiel ihm nicht schwer, Noras Verliebtheit auszunützen und sie zu überreden mit ihm zusammen zu arbeiten. Nora war in einem Unternehmen in Hamburg beschäftigt, dachte aber daran, ein eigenes Studio aufzumachen. Warum nicht mit Danilo zusammenarbeiten? Er wusste, dass sie neue Stories wie am Fließband produzierte.

 

Die Ankündigung Noras hatte Danilo wie ein Schlag getroffen. Als Nora sich nicht von ihrem Entschluss abbringen ließ, suchte er fieberhaft nach einem Ausweg.

 

Nora hatte ein erfolgreiches, wenn auch extrem anstrengendes Jahr hinter sich und fühlte, wie ihre Energie ausglühte. Die Liebelei mit Danilo war eine willkommene Abwechslung, die sie von Neuem elektrisierte. Eine kleine Auszeit vom Alltag, sich fallen lassen, bevor es mit Hochdruck weiterging, Ideen sammeln, die das weibliche Spielerpublikum besonders ansprachen – Reisen, Natur, Krimis.

 

Danilos Vorschlag zusammen zu verreisen, kam für Nora überraschend, aber gelegen. Trotzdem kratzte in ihr das leise Gefühl, sie sollte sich in der Beziehung mit Danilo mehr Zeit lassen, wie ein Dorn, der sich unbemerkt immer tiefer in die Haut einkapselt. Eigentlich kannte sie ihn noch gar nicht, er verstand es gut, sich hinter seiner liebenswürdigen Oberfläche zu verbergen. Manchmal schaute sie ihn forschend an, als wollte sie herausfinden, ob der äußere Schein nicht täusche. Wenn sie in sich hineinhorchte, spürte sie die Unsicherheit eines Tieres, das im Schlaf seine Ohren gespitzt hält, um beim leisesten Geräusch zur Flucht bereit zu sein. Trotzdem konnte sie seinem Charme, gepaart mit der richtigen Portion Sexappeal nicht widerstehen und versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

 

Danilo hatte sich sehr bemüht, Nora die Reise durch Peru, ihrem Traumland, so angenehm wie möglich zu machen und ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Er hatte alles bis ins Detail geplant und es war seine Idee, nach einer Rundreise durch die Anden in dieses quirlige Städtchen in Amazonien, das zu Zeiten des Kautschukbooms seine Blütezeit hatte, zu fahren. Er war vor vielen Jahren als junger Mann einmal hier gewesen. Von seinen freundschaftlichen Verbindungen mit dem Ex-Bürgermeister von Yurimaguas, der später wegen Drogenhandels angeklagt war, wusste Nora nichts.

 

Danilo und Nora waren die einzigen Gäste des Hotels „Rio Huallaga“. Inmitten niedriger, vernachlässigter Häuser ragte das neue 4-Sterne-Hotel wie ein über sich selber überraschter Fremdling heraus, nur übertroffen von der alten Kathedrale „La Virgen des las Nieves“, der Jungfrau vom Schnee, mit ihrer roten Turmspitze weiter oben auf der Plaza.

„Ein scharfer Name, findest Du nicht?“ hatte Danilo bemerkt. Dorthin bummelten sie auf einen Drink, wenn Nora aus ihrer täglichen Schreibklausur am frühen Abend zurückkam. Danilo hatte sie gedrängt und immer wieder nachgehakt.

„Und, wie weit bist du?“

„Drei Caipirinhas vor Stillstand…“, lachte sie unbekümmert.

„Hahaha. Hauptsache, du bist fertig, bis du zur Lodge fährst.“

Danilo hatte ihr eine Woche Aufenthalt in einer Urwaldlodge weiter oben an einem Seitenarm des Rio Huallaga organisiert. Es war einer ihrer alten Träume, den Urwald kennen zu lernen.

Er selber hatte keine Lust auf Moskitos. „Lass du dich ruhig stechen. Ich schau inzwischen den Schmetterlingen von Iquitos beim Tanzen zu.“

Sie hatten vereinbart, sich später in der Urwaldhauptstadt Iquitos wieder zu treffen. Nora war bis dorthin auf sich allein gestellt und wollte die Zeit genießen.

 

Nora schaute zum Fluss hinunter. In die zwei langen Kanus, die am Ufer lagen, drängte sich eine bunte Menschenmenge. Die Boote schaukelten stark, als Männer, Frauen und Kinder hinein stiegen und sich hintereinander auf den Holzplanken und auf den Bootsrändern niederließen. Jeder Fleck zwischen den Menschenkörpern war mit prallen Plastiktaschen in allen Farben, mit Säcken und mit Bananenstauden ausgefüllt. Eine junge Frau, die ein Baby in einem Tuch vor ihrem Bauch trug, spannte einen kleinen weißen Sonnenschirm auf und verschwand darunter. Am hinteren Ende der Boote machten sich drei sehnige Männer mit tiefbrauner Haut daran, an jedes Boot einen kleinen Motor anzubringen. Laute Rufe tönten zu Nora herauf.

 

Die Mittagssonne glühte wie sengendes Feuer vom Himmel und raubte Nora fast den Atem. Unendlich weit spannte sich der Himmel über den Fluss und das saftige Grün des Waldes. Weiße Wolken segelten vorüber, stolz wie Schwangere trugen sie ihre bauschige Wölbung vor sich her. Von den offenen Bratereien am Rande der Mole wehten süßliche Düfte gebratener Bananen gemischt mit dem Geruch gegrillten Fisches herüber. Der rote Koffer holperte klackernd über die Betonstufen, als Nora zur Anlegestelle hinunter lief. Als sie schweißüberströmt unten ankam, hatten die beiden Boote abgelegt und das trübe Wasser schlug mit kleinen Schaumkrönchen an das Ufer.

 

Von den armseligen, auf Stelzen gebauten Holzhütten, die flussabwärts das Ufer säumten, zog ein scharfer Geruch herüber. Mit staksigen Schritten näherte sich Nora, die suchend umherblickte, ein kleiner Mann, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Alles an ihm war trocken, er wirkte dürr wie ein sprödes Maisblatt, das bei der leisesten Berührung bröselnd auseinanderbrechen würde, die dunkle Haut war faltig, die schwarzen Augen lagen in tiefen Höhlen.

„Yo soy Victor - ich bin Victor.“, nuschelte er.

Nora verstand ihn kaum, aber doch soviel, dass er der von Danilo angeheuerte Bootsbesitzer und Guide war, der sie zur Micari-Lodge bringen sollte. Sie spürte einen Anflug von Ärger, dass Danilo nicht jemanden gefunden hatte, der ihr Vertrauen erweckte.

 

Während Victor sein Boot herrichtete, starrten die Einheimischen mit unverhohlener Neugier von der Balustrade der Uferanlage auf die Gringa herunter. Nora war für sie eine beeindruckende Erscheinung, mit ihrer hohen feingliedrigen Gestalt, den rotbraunen Haaren, die wie ein Seidenumhang lang über Rücken und Schultern flossen, der weißen Haut und dem intensiven Blick ihrer blaugrauen Augen, mit denen sie ihre Umgebung betrachtete. Mit energischen Bewegungen stieg sie in das schmale Boot und setzte sich auf ein quer liegendes Brett in der Mitte des Bootes. Victor verstaute kopfschüttelnd den viel zu großen Koffer zwischen ihr und dem Heck, wo er sich anschließend selbst hinsetzte. Ein Junge schubste vom Ufer aus das Boot mit Schwung an. Als sie in tieferes Wasser gerieten, warf Victor den Motor an. Peck, peck, peck tuckerte es los. In einer leichten Linkskurve drehte sich das Boot flussaufwärts und sie fuhren hinaus in die Mitte des Flusses. Ab und zu streifte Nora ein Spritzer des dreckig braunen Wassers, den sie schnell mit spitzen Fingern abwischte. Aus den kleinen Bretterbuden, die auf Stelzen vor den Hütten ins Wasser gebaut waren, liefen alle Fäkalien direkt ins Wasser. Daneben schwammen Kinder vergnügt um die Wette, planschten mit Styroporbrettern, tauchten unter und junge Mütter hielten ihre Babys ins Wasser oder wuschen ihre Wäsche.

 

Danilo blickte von der Dachterrasse des Hotels über den Fluss und sah das Boot mit Nora und Viktor immer kleiner werden, bis es hinter einer Flussbiegung verschwand. Er hatte es sich in einem der weißen Sessel auf der Dachterrasse gemütlich gemacht. Den letzten Tag ohne Nora wollte er besonders genießen. Das Personal war reizend, schwarzhaarige Mädchen mit sanften, angenehmen Gesichtszügen, ständig mit einem breiten Lachen um sein Wohlergehen besorgt, ein absoluter Pluspunkt des Hotels. Genüsslich schlürfte er seinen Pisco Sour. Ein Lüftchen wehte unter dem offenen Dach.

 

Wie eine dichte grüne Matte, die alles fremde Leben verschluckt und seine Geheimnisse für sich bewahrt, verlor sich der Wald auf der anderen Seite in der Ferne. Ein perfekter Ort. Von der offenen Küche auf der Terrasse unter ihm stiegen verlockende Düfte zu Danilo hinauf. Er hatte einen Bärenhunger. Paula, eine junge Frau, fragte ihn nach seinen Wünschen. Sie sah ihm dabei voll in die Augen und berührte ihn mit ihren weichen Händen am Arm, als sie ihm die Karte gab. Danilo wusste, dass er seine Attraktivität trotz seiner 44 Jahre nicht eingebüßt hatte.

„ Die Fischplatte. Und zum Nachtisch ein süßes Kätzchen zum Teller abschlecken.“ Er schaute selbstgefällig und ließ seinen Blick begehrlich von oben bis unten über ihren drallen Körper schweifen. Sie verstand ihn auf Anhieb.

 

Ein paar Mal versuchte Nora mit Victor zu sprechen, was dieser mit einem undefinierbaren Nicken quittierte. Sein Gesicht lag im Halbschatten und hatte den unbeweglichen und arglosen Ausdruck einer Schildkröte. Nora war sich nicht sicher, ob er sie verstanden hatte, er schaute in die Ferne, wo die beiden anderen Boote nur noch als schaukelnde bunte Tupfer zu erkennen waren. Geblendet von der grellen Sonne, die gnadenlos brannte, schaute Nora sich um. Im Bug des Bootes, neben allerlei kleineren Säcken, lag von trockenen Palmblättern verdeckt eine alte Machete, wie alle Menschen sie hier mit sich trugen. Ein Sonnenstrahl ließ die Stahlklinge scharf aufblitzen.

 

Schwaden heißer Luft wehten über den Fluss. An den Ufern tauchte ab und zu ein Dorf mit ein paar Strohdachhäusern aus dem Urwald auf. Die Hitze auf dem Boot setzte Nora so zu, dass es ihr immer schwerer fiel die Augen offen zu halten. Ihr Kopf fühlte sich so leer an wie ein ausgeblasenes Ei. Seit Monaten schon, genauer gesagt, seit sie mit Danilo zusammen war. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, warum sie sich auf nichts richtig konzentrieren konnte. Die Ideen, die zu Jahresanfang greifbar nahe waren, hatten sich buchstäblich in Luft aufgelöst. In Wirklichkeit hatte sie die ganze Zeit auf der Reise nicht eine Minute an ihren Projekten gearbeitet, aber das würde sie, wenn sie zurück wären, sicher erfrischt und mit Elan aufholen. Danilo würde gar nichts davon merken.

 

Die Stille über dem Wasser war einschläfernd, nur ab und zu schreckte Nora kurz auf. Das einzige, was bisweilen wie benebelnde Dämpfe in ihre Traumbilder drang, war der brakige Geruch des Flusses, der sich träge dahinschleppte, das Schreien eines Vogels und das Geräusch der kleinen Wellen, die gegen das Holz schwappten.

 

Victor bückte sich leicht zum Flusswasser hinunter und tauchte zärtlich ein kleines Tuch hinein. Das Wasser, das es aufsaugte, drückte er anschließend über seinem Kopf aus und ließ es wie geweihtes Wasser über sein Gesicht rinnen. Er warf einen zufriedenen Blick auf seine Passagierin. Mit dem Geld des Fremden hatte er für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Sein Traum, ein Haus in Pucallpa, weiter unten im Süden, zu besitzen, war in greifbare Nähe gerückt. Hastig, als könnte sie ihm jemand wegnehmen, hatte er die zerknitterten Dollarscheine in der ausgebeulten Tasche seiner Hose verschwinden lassen. Ein wunderbarer Fischzug. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und in der Kehle kitzelte ihn ein Kichern. Er war in Festlaune. Morgen war der 24. Juni, das große Johannisfest, das im ganzen Amazonasgebiet ausgelassen gefeiert wurde. Rechtzeitig am Abend wollte er in seinem Dorf sein, wo seine Frau inzwischen die schmackhaften Juanes vorbereitete. Von dem Extraverdienst würde er ihr erst einmal nichts erzählen. Genug, dass er im Städtchen die größten und saftigsten Hühner, die sie hatten, für einen stattlichen Preis losgeworden war. Auch Bananen und Yuca hatte er auf dem Markt angeboten und dafür Salz, Zucker, ein paar Kleidungsstücke, Schuhe und Getränke für das Fest eingekauft. Er musste sich beeilen. Seine Siedlung lag etliche Stunden stromaufwärts und unterwegs musste er die Gringa loswerden.

 

Kurz zuckte Nora zusammen. Das Boot erzitterte von den Wellen eines vorbei fahrenden größeren Bootes. Über ihnen flog ein Schwarm weißer Reiher mit langsamen Bewegungen hinweg, mit ihren Schnäbeln zerschnitten sie wie mit spitzen, glänzenden Dolchen die Luft und bogen dann über die dichten Bäume am Ufer ab.

Victor schaute über den Fluss, der nun mehrere Hundert Meter breit war und lauschte dem monotonen Klang des Wassers, das zäh dahin floss. Er war mit dem Wasser des Rio Huallaga aufgewachsen und er verstand seine Sprache, die so vielfältig war, wie die üppige Welt um ihn herum. Er kannte sie alle, die weich gluckernden Töne, wenn er am frühen Morgen zum Fischen ausfuhr, das Schlurfen und Schmatzen des Wassers im Uferschlamm, nahe der Stelle, wo er seine Fischnetze auslegte, die kleinen gurgelnden Wellen, die der Mittagswind vor sich her auf den glitzernden weißen Sand schob, das Plätschern der leicht dahin eilenden Wellen gegen den Bug seines Bootes, das stürmische Rauschen und Toben, wenn die Gewitterfluten reißend dahinbrausten, die kristalline Nachtstimme, wenn die Sterne im Wasser glitzerten.

 

Von seinen Ahnen hatte er gelernt, dass man die Wassergeister nicht herausfordern durfte. Niemand durfte ungesühnt ihr Reich stören. Am Anfang aller Zeiten war der Wald noch ein großer Sumpf, in dem die große Urmutter, die Mutter Boa, über alles herrschte. Eine Unzahl von Seen, Teichen, kleinen und großen Flüssen war ihr eigen. Sie wachte über sie und hütete sie wie ihren Augapfel, damit ihre zahlreichen Kinder ungestört darin leben konnten. Yacumama hieß die Mutter allen Lebens, und mit ihrem Überfluss machte sie die Erde fruchtbar, diese Mutter, die sich immer wieder vom Tod nährte, um neues Leben zu schaffen. Ohne Erbarmen verfolgte sie jeden, der ihren Reichtum rauben wollte. Eifersüchtig hütete sie ihr Reich mit den vielen darin verborgenen Schätzen, um ihre Kinder zu ernähren. Derjenige, der Böses im Sinn führte, wurde unbarmherzig ausgestoßen.

 

Wie eine verhalten dahin gleitende Sarabande verlor sich der Nachmittag zwischen Bäumen, Wasser und Himmel.

Victor schaute besorgt zum Horizont, die Wolken hatten sich zu einer breiten schwarzen Wolkenwand zusammengeschoben, über die sich beschwichtigend weiße Tüllrüschen legten, die sich mit scharfen Linien vom Blau absetzten. Die Sonne hatte sich dahinter weggestohlen, wie ein kleines Kind, das Verstecken spielt und noch nicht weiß, dass es dennoch für alle zu sehen ist. Die Luft stand reglos still. Weit und breit war auf dem Fluss kein anderes Boot mehr zu sehen. Victors Blick heftete sich auf die zusammengekauerte Gestalt der Gringa, die fest schlief.

 

Stetig kam die Wolkenwand näher. Bald fegte ein Windstoß über den Fluss, der das Wasser in einem seltsam dumpfen Geräusch aufgrollen ließ. Das Wasser wurde bewegter. Dann fuhr der Wind mit einem mächtigen Brausen vom Himmel, schon zischte das Wasser unbändig. Viktor erschrak – eine leise Stimme in seinem Innern sagte ihm, dass die große Boa nahe war. Und er spürte intuitiv, dass sie nahe war, weil sie Unrecht fühlte. Die Urmutter zürnte. In der Ferne grummelte der Donner, dann polterte es drohend nah, ein schneidender Blitz flammte auf und färbte die Landschaft für ein paar Sekunden in ein fahles Weiß. Die ersten dicken Tropfen klatschten auf das Boot und zerstoben in winzige scharfkantige Messerschneiden auf der Haut der Reisenden. In der Tiefe bebte der Flussgrund und wölbte sich empor. Der Himmel verfinsterte sich.

 

Nora zitterte am ganzen Körper. Krampfhaft hielt sie sich mit den Händen an den Bootskanten fest und stemmte sich mit aller Kraft mit den Beinen gegen die Holzplanken. Ungestüm tanzte das Boot nun auf den Wellen und stellte sich dann jäh nach hinten auf wie eine auf halbem Weg in der Luft stehengebliebene Schiffsschaukel. Schreckensstarr blickte Nora hoch. Vor dem kleinen Boot war wie aus dem Nichts drohend eine gewaltige Wand aufgetaucht wie ein riesiges Segeltuch. Die Welt um sie herum versank in Dunkelheit.

Nora war wie hypnotisiert. Ihr Herz stand beinahe still, kaum spürte sie ihren Atem, ihre Glieder waren gelähmt, und sie verlor sich in einem Gefühl der Unwirklichkeit, das Zeit und Raum vollkommen verschwimmen ließ.

 

Die große Boa mit ihren drei Köpfen, die wild in alle Richtungen herumfuhren, thronte als schwankender Turm hoch über dem Wasser. Aus ihren Augen schossen glühende rote Blitze, die sich ihren Weg durch das Dunkel direkt in Victors Herz brannten. Aus einem ihrer Münder zischte die lange gespaltene Zunge wie ein flammendes Schwert hervor und fuhr auf ihn zu. Hoch schäumte die Gischt auf und ergoss sich in heulenden Kaskaden über das Boot. Wasserstrudel wirbelten es wie einen Kreisel herum und drohten es mit in die Tiefe zu ziehen, aus denen Trompetenschall und Schlachtenlärm dröhnte.

 

Endlos waren die Zeiten.

 

Mit der übermenschlichen Kraft, die dem Menschen nur in den äußersten Gefahrensituationen zur Verfügung steht, gelang es Viktor das Boot immer wieder vor dem Untergehen zu retten. Aber immer, wenn er versuchte, dem großen Wassergeist zu entkommen, peitschte die Boa mit ihrem viele Meter langen Leib und eine Ewigkeit schien es, als gäbe es kein Entrinnen aus den entsetzlichen Fluten.

 

Am Abend rissen die Wolken über dem Fluss auf. Mit einem mächtigen Zischen verschwand die Schlange, ein letztes Mal bäumte sie sich auf und stieß eine große Welle von sich, ein letztes Mal packte ein heftiger Windstoß das Boot. Es hörte auf zu blitzen und die letzten Donner verhallten. Eine Weile prasselte noch der Regen nieder, dann wurde es still.

 

Nora lag quer über den Holzplanken des Bootes, in dem knöchelhoch das Wasser stand. Je mehr sie zu sich kam, desto mehr wich ihre Totenstarre einem tiefen Gefühl der Verlassenheit. Als sie sich umdrehte, kniete Victor gebückt hinter ihr, die Arme hoch zum Himmel erhoben und sie wusste nicht, ob er zum allmächtigen Gott betete oder ihn verfluchte.

 

Der Wind schlief ein, aber immer noch tobte der Fluss zornig. Die Baumstämme und Äste, die er mit sich gerissen hatte, stießen mit einer Wucht gegen das Boot, dass Victor fürchtete, es würde jeden Augenblick zerbrechen. Mit seinen bloßen Armen versuchte er, das Boot zu lenken. Tatsächlich kam er dem Ufer Meter um Meter näher. Schließlich verfingen sie sich zwischen spitz wie Schwertern aufragenden Schilfhalmen und Victor sprang in das Wasser, das plötzlich still war, um das Boot ganz an Land zu ziehen.

 

Besinnungslos vor Erschöpfung stolperte Nora aus dem Boot. Die Haare fielen wirr um ihren Kopf und die schmalen Konturen ihres Körpers traten unter der nassen Kleidung noch deutlicher hervor. Am ganzen Leibe zitternd, lief sie los, ohne zu wissen, wohin sie ihre Füße trugen. Oberhalb der niedrigen Uferböschung ragten Hunderte umgestürzter Bäume, die der Sturm gefällt hatte, wüst durcheinander aus dem Boden. Das laut schmatzende Geräusch eines Tieres, kurz und eindringlich, ließ Nora zusammenschrecken. Sie blieb stehen. Sternklar öffnete sich der Himmel über den forteilenden Wolken.

 

Victor zog mit größter Anstrengung das Boot weiter an Land und kippte es zur Seite, damit das Wasser auslaufen konnte. Dann machte er sich an dem kleinen Außenbordmotor zu schaffen, der wie durch ein Wunder nicht fortgerissen worden war. Von der übrigen Ladung war nichts außer der Machete geblieben. Besorgt tastete Viktor nach dem aufgeweichten Inhalt seiner Hosentasche. Nachdem er den Motor notdürftig gerichtet hatte, folgte er mit der Machete in der Hand Nora auf die Lichtung.

 

Er schaute gebannt und wusste nicht ob Minuten, ob Stunden vergingen. Wie in tiefem Traum versunken verharrte er. Sie saß auf einem Baumstumpf und kämmte sich versonnen ihre langen Haare. Der Mond schien nun strahlend hell und sein Licht ergoss sich über sie wie ein feines Netz aus silbernen Perlen. Mit anmutigen Bewegungen stand sie auf und pflückte die weit geöffneten dunkelroten Blüten einer Schlingpflanze, die sie anschließend zu einem Kranz wand und sich wie eine Krone um den Kopf legte. Gegen einen Stamm gelehnt, ruhte sie sich aus und schaute hinauf zu den Sternen. Dann sang sie mit feiner klarer Stimme eine Melodie, die Victor wie ein Zauberlied betörte. Sein Herz begann zu klopfen. Ein unsägliches Verlangen sich ihrer zu bemächtigen, machte sich in ihm breit. Mit gierigen Blicken näherte er sich ihr, um sie zu umfangen und zu küssen. Gerade als er das zauberhafte Wesen berühren wollte, drehte es sich um. Ein Strahl des Mondlichtes traf ihre Augen und leuchtete in ihnen auf.

 

Victor kam zu sich. Als Nora die Machete in Viktors Hand erblickte, krampfte sich ihr Herz panisch zusammen.

 

Danilo hatte lange auf der Dachterrasse gesessen.

Niemand würde ihm eine Schuld an Noras Verschwinden nachweisen können. Dem Einheimischen, den ihm der ehemalige Chauffeur seines alten Freundes vermittelt hatte, hatte er nur das Geld zukommen lassen, sie waren sich nicht persönlich begegnet. Die alte Kokainmafia funktionierte unter der Oberfläche ausgezeichnet. Niemand hätte Interesse daran, dass etwas ans Tageslicht käme. Am nächsten Tag würde er wie geplant ohne Eile abreisen, um kein Aufsehen zu erregen. Am Ziel seiner Träume, die Geschichte seines Lebens in der Tasche, da war er sicher. Er hatte Nora beim Packen geholfen und sichergestellt, dass das Netbook wie ausgemacht bei ihm blieb, damit er darauf aufpassen könne. Nora hatte fast unwirsch reagiert, als er sie zu sehr bedrängt und ausgefragt hatte, ob sie ihre Arbeit auch wirklich beendet habe. Diesmal würde er, nur er die Userwelt süchtig zu machen.

Danilo rieb sich die feuchten Hände an seiner hellen Leinenhose trocken.

„Te sirvo más?“

„Mehr … von was?“

Unentwegt streifte Paula um ihn herum und verwöhnte ihn mit ihren liebenswürdigen Bemühungen. Ihre weichen katzenartigen Bewegungen erregten seine Lust.

Als das Unwetter aufzog, ging er mit Paula ins Untergeschoss des Hotels.

„Ich zeige dir die Sauna,“ bot Paula ihm mit verführerischen Augen an. Danilo lachte schallend.

„Ah … der Jungfrau vom Schnee wird es kalt? Aber warum gehen wir nicht in mein Zimmer?“

„Das ist dem Personal streng verboten.“

„Dann hinab mit uns in die Höllenglut …“

 

Vom Unwetter, das draußen tobte, merkten Paula und Danilo nicht viel. Paula massierte Danilo sacht. Ihre schwarzen Augen leuchteten im flackernden Licht einer kleinen Lampe. Der Duft nach billigem Parfüm, den sie verströmte, nahm Danilo fast die Luft.

„Ich komme mir vor, wie in einer Sauna“, sagte er gut gelaunt.

„Es kommt noch heißer“. Paula zauste sein Haar, dann zog sie sich mit einer geübten Bewegung das Kleid über den Kopf und küsste ihn feucht auf den Mund. Danilos Körper war wie elektrisiert, als er ihren nackten Körper an sich zog und umarmte.

 

Später in der Nacht zog sich Danilo in sein eigenes Bett zurück. Er warf sich im Schlaf hin und her und träumte unruhig. Gegen Morgen wurde er von einem Traum aufgeschreckt. Ein dunkelhäutiger Mann mit spindeldürren Beinen war auf ihn zugekommen. Er trug ein rundes Tablett vor sich her und kam immer näher auf Danilo zu, bis er dicht vor ihm stand. Von seinen Händen tropfte Blut auf den Boden und zog eine Spur. Auf dem Tablett lag ein Frauenkopf in einer Lache von Blut. Lange rotbraune Haare fielen nass und schwer auf allen Seiten herab. Zwei weit geöffnete Augen starrten Danilo ausdruckslos an – Noras Augen.

Danilo fuhr mit einem Schrei auf. Sein Herz raste vor Grauen. Schweiß strömte aus allen Poren seines Körpers. Hellwach lag er bis zum Morgengrauen auf seinem Bett. Die Luft, die frisch durchs geöffnete Fenster hereinwehte, brachte keine Erleichterung.

 

Dumpf schlug die Machete, die Victors Hand entglitten war, auf dem feuchten Blätterboden auf. Noras Blick, ihre vor Schrecken weit aufgerissenen Augen hatten den Spuk gebannt.

„Du musst fort“. Victors Stimme klang heiser und gepresst.

Er zeigte auf die Machete. Die Geste, die er mit seiner rechten Hand machte, war deutlich, eine Bewegung, als wolle er sich die Kehle durchschneiden.

„Was willst du?“ Noras Stimme bebte und sie meinte, Victor müsse den Verstand verloren haben.

„Der Chef will es.“

„Welcher Chef?“

Victor zuckte mit den Schultern.

„Dein Gringo. Er hat mich gut bezahlt.“

Es dauerte eine Weile, ehe Nora verstand, was sie gehört hatte. Danilo? Sie umbringen? Das war unmöglich. Von was redete Victor? Aber wenn es stimmte, warum? Was wollte er damit erreichen?

 

Dann begann es aus den Tiefen herauf in ihr zu brodeln. Die Bilder der vergangenen Monate liefen wie im Zeitraffer zusammen und ordneten sich zu einem einzigen Gemälde, das sie in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit nur mit dem Gefühl, nicht mit dem Verstand greifen konnte. Ihr Gesicht begann zu glühen trotz der Kälte, die sie an allen Gliedmaßen spürte. Plötzlich stand es deutlich vor ihr. Das Netbook! Ihre vermeintliche Arbeit, er hatte es nur auf ihre Projekte abgesehen!

„Keine Angst. Ich tu dir nichts an. Nimm.“ Victor hob die Machete auf und gab sie Nora.

Schweigend schauten sie eine Weile über den Fluss. Weiter oben leuchteten am jenseitigen Ufer ein paar Lichter auf. Als der Fluss sich beruhigt hatte, brachte Victor sie zum Dorf.

 

In einer kleinen Einbuchtung fuhren sie unter ein auf Pfählen ins Wasser gebautes Holzgebäude und legten an. Eine Holztreppe führte nach oben auf eine Plattform aus Bambusstangen, neben dem sich eine mit Maiskolben gefüllte Vorratskammer befand. Zwei dunkle Augenpaare schauten neugierig daraus hervor. Die beiden Kinder, die dort unbeobachtet spielten, brachten die Ankömmlinge zum Dorfplatz, wo die Einheimischen sich zum Fest versammelt hatten, als hätte es nie ein Unwetter gegeben. Sorglose Stimmen von glücklich lachenden Menschen schallten durch die Nacht. Neugierig und mit einer Freundlichkeit, als gehörte sie seit jeher dazu, wurde die unverhofft aufgetauchte Frau aufgenommen und man versprach Victor sich um sie zu kümmern.

 

In der Mitte des vom Regen aufgeweichten Platzes brannte ein Feuer. Auf den Grillrosten, die ringsum aufgestellt waren, zischte Hühnerfleisch in den Pfannen, inmitten von Bergen von Kartoffeln und Karotten. Nora hockte sich dicht vor das Feuer, um sich zu wärmen und ihre Kleider zu trocknen. Nie hatte sie sich inmitten von Menschen so verlassen und verzweifelt gefühlt wie in dieser Nacht. Von dem bewegten Treiben um sie herum drang kaum etwas zu ihr durch. Die gegensätzlichsten Gefühle überwältigten sie. Die Erleichterung, dass sie das Unwetter überlebt hatte, der Schock über das, was Victor ihr mit wenigen Worten gesagt hatte, die Angst, was noch passieren würde, die Wut auf Danilo und das Erschrecken über seine Bosheit, der Ärger auf sich selbst. Warum hatte sie nicht auf ihren Instinkt gehört, der ihr gesagt hatte, dass sie sich in ihm täuschte? Die Erkenntnis, dass sie, eine unabhängige und erfolgreiche junge Frau, ihm so leicht verfallen war und über Monate nicht ohne seine Lügengespinste existieren konnte, schmerzte sie zutiefst. Sie fühlte sich innerlich wie verbrannt.

 

Die Einheimischen gaben sich alle Mühe ihren seltsamen Gast zu verwöhnen und versuchten sie mit allerlei Leckerbissen zu locken. Doch das einzige, was Nora herunterbekam, war das Maisbier, das sie in gierigen Zügen aus dem Krug trank, der von Mund zu Mund ging. Dann brachte man sie endlich zu einem Lager in einer der mit Palmstroh gedeckten Hütten, in denen sie den Rest der Nacht in einer Hängematte wie tot in traumlosem Schlaf verbrachte.

 

Am Morgen wachte Nora vom Kreischen eines Brüllaffen auf. Von hoch oben in einem Baum, dessen Krone wie eine Lanzenspitze in den Himmel ragte, tönte der kehlige Gesang eines Riesentukan. Nora dachte an Danilos ironische Bemerkung, als sie sich verabschiedet hatten. Von Neuem loderte eine heiße Flamme der Wut in ihr auf und bemächtigte sich ihrer in einem Maß, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Hatte sie Danilo nicht ein Souvenir versprochen? Er sollte es bekommen.

Vor der Hütte wisperten und murmelten die Frauen, die sich am Johannitag zu einem reinigenden Bad im Fluss aufmachten, das ihnen das ganze Jahr hindurch Glück versprach. Die von der Morgensonne erwärmte Luft roch nach wilden Blumen und Farn und bald klangen der Singsang und das gackernde Gelächter der Frauen über das ruhige Wasser bis zum Dorf herüber.

 

Danilo stand immer noch unter dem Eindruck des schrecklichen Alptraumes und versuchte seine Unruhe zu verbergen. Wie gewohnt stieg er zur Dachterrasse hinauf, um ein spätes Frühstück einzunehmen. Als er über den Fluss blickte, blieb sein Blick an einem roten Gegenstand hängen, der sich in riesigen Ästen verfangen hatte und in ihrem Schlepptau flussabwärts trieb.

Die Stunden flossen zäh wie Magma dahin. Das Schiff nach Iquitos fuhr erst um 14 Uhr vom Hafen los.

Paula hatte er nicht mehr gesehen, sie hatte ihren freien Tag. Nachdem Danilo am Empfang seine Rechnung bezahlt hatte, ging er in sein Zimmer, um seine Sachen zu packen. Noch zwei Stunden. Er nahm das Netbook von Nora, das er wie ein Heiligtum gehütet hatte, mit vorsichtigen Bewegungen vom Tisch und wollte es gerade in seine Umhängetasche stecken, als sich mit einem Ruck die Tür des Hotelzimmers öffnete. Danilo riss ungläubig die Augen auf.

„Wo, wo …“ stammelte er und schnappte nach Luft, mehr bekam er nicht heraus. Sein Gesicht wurde bleich, als stünde ein Gespenst vor ihm. Sein Herz hämmerte.

„Ich bin wieder da“, sagte Nora schlicht und lächelte ihn kalt an.

„Nora, es ist doch nichts Schlimmes passiert? Ich habe mir schreckliche Sorgen um dich wegen des Gewitters gemacht.“

Nora ging langsam, als schreite sie in einer Prozession, auf ihn zu. Ihre rechte Hand hielt sie hinter dem Rücken. Still blieb sie dann vor ihm stehen, ein Anflug von Ekel und Traurigkeit huschte über ihr Gesicht.

Als Danilo ihr in die Augen blickte, nahm er ihre Verachtung und Wut wahr, die sie mit keinem Wort aussprach; nur ihre Augenlider zitterten leicht. In diesem Augenblick wurde ihm deutlich, dass sie alles wusste. Ein nervöses Flackern zuckte in seinen Augen, mit einem irren Blick schaute er um sich, fieberhaft überlegte er, was er ihr sagen, wie er einen Ausweg finden konnte.

Nora musterte ihn in vollkommener Ruhe, dann straffte sich ihr Körper unmerklich, bis er in höchster Anspannung war, ihr Arm schnellte hinter dem Rücken hervor in die Höhe. Aber statt ihn herabsausen zu lassen, hielt Nora die Machete hoch erhoben, wie ein eingefrorenes Standbild starrte sie Danilo mit der Unerbittlichkeit eines rächenden Engels an. Mit dem Instinkt eines Raubtieres ausgestattet, das in Lebensgefahr schwebt, machte Danilo einen Satz auf Nora zu und wollte ihr die Waffe entreißen. Die Machete glitt nach unten und ihre Schneide streifte über Danilos Stirn. Sie hinterließ eine blutige Spur quer über sein Gesicht, seine Brust und seinen Arm. Wie ein verwundetes Tier brüllend schnellte Danilo los und raste durch die offene Zimmertür davon.

 

Ein Tropfen frischen Bluts hing wie eine Perle an Noras Lippen und ein süßer Blutduft umgab sie, als sie hinausging in das Getümmel der kleinen Stadt, deren Bewohner übermütig das Johannifest feierten. In der schmalen Hauptstraße, die zum Fluss abfiel, war fast kein Durchkommen, dicht drängten sich die Menschen um die vielen kleinen Marktstände, die von Waren überquollen. Aus den überall angebrachten Lautsprechern dröhnten laut die traditionellen Rhythmen der Selva mit modernen Instrumenten aufgemixt. Nora kaufte sich ein Juane und entblätterte die Füllung aus Reis und Hühnchen genüsslich aus der Bananenschale.

 

Nora spürte, wie die Leere in ihrem Kopf, die sie in den vergangenen Monaten gespürt hatte, in dem Maße wich, wie die lauten, farbigen Eindrücke der Umgebung in sie eindrangen. Die trügerische Zeit der Lügen war zu Ende.

Das Spiel begann neu. Es war perfekt. Ein Kapitel mit offenem Ausgang.

 

Daria León, Karlsruhe, 2012

Fabulina heißt Dich Herzlich Willkommen!

Fabulina auf Facebook

In meinem Literarischen Blog erscheinen regelmäßig neue Erzählungen.